„Oje, ich wachse!“ oder doch einfach nur „Oje?!“? – Achtung: keine Werbung ;-)

Buchcover "Oje, ich wachse!"
Buchcover

Zur Geburt habe ich vor einem Jahr von einer lieben Freundin und selbst Neo-Mama das Buch „Oje, ich wachse“ geschenkt bekommen.
Beim ersten Durchblättern war ich sehr angetan. Die Idee, dass ein Baby immer dann eine schwierige Phase durchmacht, wenn es gerade etwas Neues lernt, also einen Schub durchmacht, fand ich schlüssig und entspannend. Ich meine, wie geil ist das denn? Plötzlich ist das Baby nicht mehr einfach nur ein Grantwuzel, eine Lästwanze oder eine Krätze, sondern du kannst dir denken: „Hey, cool! Der ist dermaßen schlecht gelaunt, der lernt grad sicher was Uuurwichtiges!“ Ist doch gleich viel leichter auszuhalten.

Aber was nun, wenn das Baby mehr oder weniger monatelang zufrieden schläft, stillt, sich die Welt anschaut und kaum weint? Herrschaftszeiten, überall um einen herum scheinen alle Babys zu „schuben“, aber das eigene lernt offenbar gar nix, weil Schub ist weit und breit keiner in Sicht?!? Da denkt man sich dann schon mal: jössasna, die anderen Babys müssen alle Intelligenzbolzen werden, während unseres wahrscheinlich noch mit 5 Jahren zufrieden mit dem Löffel auf den Topf haut.

Nein im Ernst: unser Baby hat sich als das entspannteste und ausgeglichenste Neugeborene herausgestellt, das wir uns vorstellen konnten – und auch wenn`s nicht so gewesen wäre: „Krätze“ würde ich ihn ohnehin nie nennen, den Süßen. Höchstens Frechdachs. Oder Lauser. Oder Rübe. Oder Schlingel. Oder kleiner Gauner ❤
Denn ab und zu sind sie dann im Laufe der Monate natürlich schon aufgetaucht, die schlechte Laune, die schwierigen Tage, die anstrengenden Nächte.
Und grade WEIL das bei unserem Schnurbel eher die Ausnahme war, waren wir immer besonders irritiert – mittlerweile ist der Kleine ein gutes Jahr alt, die Welt hält viele Frustrationen für ihn bereit, und er hat gelernt, diese Frechheit kreischend zu kommentieren, mit beleidigtem Gesichtchen zu quittieren und sich mit voller Kraft nach hinten zu werfen, wenn ihm was nicht passt. D.h. mittlerweile gewöhnen auch wir uns daran, ab und zu ein brüllendes und sich gebärdendes Kind zu haben, so wie man sich das in den kühnsten Träumen vorstellt. Aber in den ersten Monaten war das echt sehr sehr selten.

Und immer, wenn die schlechte Laune doch passiert ist, hab ich mir das Buch geschnappt und nachgelesen, welcher Schub das denn jetzt sein könnte. Und in einigem habe ich den Kleinen dann wirklich wiedererkannt und habe meinem Mann stolz erzählt, was unser Sohn offenbar grade lernt.

Mit der Zeit wurde ich allerdings stutzig. Denn jeder einzelne der angeblich 8 Schübe wird im Buch großartig auf vielen vielen Seiten beschrieben: wie er sich ankündigt, wie er sich äußert, und man muss schon an ganz arger Stilldemenz leiden um nicht zu checken, dass da jedes Mal genau dasselbe erzählt wird.

Was ja auch okay bzw. sogar plausibel ist, dass sich ein Sprung jedes Mal ähnlich abspielt – aber da hätte man sich in dem Buch wahrscheinlich gut und gerne 40 Seiten erspart, wenn man das ganze Ding einfach einmal am Anfang abgehandelt hätte. So liest man sich halt 8 mal mehr oder weniger durch dasselbe durch. Mal abgesehen davon, dass mich irgendwann das Gefühl ereilt hat, dass dieses Buch fast so funktioniert wie ein Horoskop: hier werden so allgemeingültige Dinge beschrieben, Situationen, die jeder mit Baby kennt, weil es einfach ganz normale Verhaltensweisen sind, sodass man eigentlich immer irgendetwas findet, womit man sich identifizieren kann, wo man glaubt die eigene Situation wiederzuerkennen und wodurch es dann ganz leicht wird zu sagen: ach ja, die haben ja recht, die g`scheiten Autoren; woher wissen die das, dass das bei uns gerade genau so ist?!
Immerhin kann es bei einem Schub entweder sein, dass das Kind ständig an den Busen will oder gar nichts mehr trinkt, sehr schlecht schläft oder nur mehr schläft, sehr aktiv ist oder uninteressiert. Da ist dann wohl für jeden was dabei.

Ich habe bei unserem Kleinen beobachtet, dass er motorische Meilensteine erlernt hat, ohne vorher zu „schuben“, dann aber wieder eine schwierige Phase hatte, wo ich danach keine großen Veränderungen oder Neuigkeiten feststellen konnte. Aber natürlich lernt ein Kind in diesem Alter permanent. Es ist also relativ leicht, irgendeine neue Fähigkeit beim Baby festzustellen, wenn man eine Erklärung für ein schwieriges Verhalten sucht. Das mit den Schüben ist wohl in erster Linie eine Glaubensfrage, und wir haben halt so gerne logische Erklärungen. Anstatt uns einfach zu denken: „Ist halt einfach grad schlecht drauf“ ist es natürlich viel schöner sich auszumalen, was für ein kleines Genie da von der miesen Laune getrieben grade heranwächst.

Außerdem bin ich ins Grübeln gekommen: wenn wir wissen, dass es völlig in der Norm ist, dass manche Kinder schon mit 10 Monaten frei laufen können, manche jedoch erst mit 16 Monaten; wenn wir wissen, dass der eine mit anderthalb Jahren Wörter sagt wie: „Ostereieranmalmaschine“, „gschamster Diener“ oder „Löwenzahnblume“ (und: ja, ich kenne tatsächlich so ein Kind!) während der nächste erst mit 2 1/2 Jahren beginnt zu sprechen; wenn uns völlig klar ist, dass ein Kind mit 3 Monaten den ersten Zahn bekommt und ein anderes dafür über 1 Jahr alt werden muss; ja ist es dann nicht vollkommen absurd, dass wir in einer Tabelle nachschauen, in der angeblich ganz genau nachzulesen ist, in welcher Lebenswoche schwierige bzw. unkomplizierte Phasen zu erwarten sind?

Gut, jetzt kann man einwenden, die Autoren wiesen eh darauf hin, dass die Schübe individuell länger oder kürzer dauern können. In Wirklichkeit dauert ein Sprung beim einen Kind vielleicht nur 1 Tag, beim nächsten aber 6 Wochen. Und guess what – was das richtig praktische an der Erklärung ist: das kann quasi bedeuten, dass ein Kind volé von einem Schub in den nächsten Schub übergeht. Hat man also ein Kind, das die anderen (oder vielleicht auch man selbst) als „anstrengend“ empfinden, ein High-Need-Baby oder ein Schreibaby, so kann man immer die Schubtheorie aus dem Hut zaubern. Schubt halt das ganze erste Jahr durchgehend.

Da spricht jetzt eigentlich auch gar nichts dagegen, und alles, was jungen Eltern hilft, besser mit schwierigen Phasen umzugehen und etwas Positives daraus zu ziehen, ist durchaus willkommen. Ich weiß nur nicht so recht, wie sehr ich persönlich daran wirklich glaube, dass alles immer nur mit Schüben erklärbar ist.

Was mich im Laufe des Buches auch massiv zu stören angefangen hat, waren die Zitate von Eltern – je mehr davon zu lesen waren, desto mehr ist bei mir der Eindruck entstanden, als wären die alle ständig nur genervt von ihren Kindern. Nicht falsch verstehen: ja, manchmal nervt mich der Kleine auch, und es ist okay zu kommunizieren, dass einem auch mal als beste Mama der Welt die Geduld ausgeht oder man etwas sagt/ tut, was einem später leid tut.
Aber ganz ehrlich, in dem Buch ist ständig die Rede von Eltern, die „die Schnauze voll“ von ihrem Kind haben, es „ignorieren, wenn es brüllt“, „aggressiv“ werden, weil es nichts trinken will, usw. Das hat mich beim Lesen dann oft wirklich schon irritiert. Ich erinnere mich auch an eine Stelle, an der davon gesprochen wurde, dass das Essen bei Tisch ein regelrechter „Streitpunkt“ zwischen Mutter und Kind sei. Da war die Rede von einem 5 oder 6 Monate altem Baby. Hä? Echt jetzt??

Irgendwann wurde es für mich dann fast amüsant. Dazu muss ich sagen, dass wir ein Kind haben, dass erst mit 9 Monaten angefangen hat sich robbend fortzubewegen. Davor hat er sich wie ein fauler Pascha durch die Gegend schleppen lassen oder ist gemütlich rumgelegen. Das wars. Sich umdrehen, sich aufsetzen, krabbeln, sich in den Stand hochziehen ist alles erst relativ spät mit ca. 11 Monaten gekommen, dafür aber so ziemlich alles gleichzeitig.

Für mich alles kein Problem, denn als Ergotherapeutin weiß ich Bescheid, wie unterschiedlich sich Kinder entwickeln, auf welche Zeichen ich achten muss, bei denen bei mir die Alarmglocken losgehen, und ich habe mir nie Sorgen gemacht, dass bei unserem Baby eine Entwicklungsverzögerung vorliegen könnte. Wobei ich nicht ausschließen kann, dass man beim eigenen Kind nicht ein bisschen „betriebsblind“ ist ;-).

Aber dennoch: ich stelle mir vor, wie viele junge Eltern dieses Buch lesen, die im Grunde abgesehen davon, dass sie jetzt selbst ein Baby haben, keine Ahnung von Kindern haben. Und diese lesen dann davon, dass Babys beim Sprung um die 26. Woche Dinge lernen wie „Hinter einem Karton hergehen“, „springen“ oder „frei stehen“. Wohlgemerkt, wir reden hier über ein 6 Monate altes Baby. Das war ein Moment, wo ich fast mal vor Lachen vom Sessel gefallen wäre, da ich das gelesen habe, während MEIN 6 Monate altes Baby hilflos wie ein Käfer am Rücken gelegen ist und mit seinen Patschehändchen in Richtung Mobile gefuchtelt hat.

Ebenso absurd fand ich den Gedanken, dass Kinder in dem Alter bereits versuchen, Objekte oder Personen zu benennen, Tiere in Bilderbüchern erkennen oder Anweisungen verstehen. Prompt werden anschließend auch immer viele Fördertipps geliefert, wie man sein Baby dabei unterstützt, all diese Dinge zu erlernen. Und ach, da wurde ich gleich wieder grantig, denn das speist doch nur wieder den Förderwahn all dieser verunsicherten Eltern, die aufgrund solcher Bücher glauben, ihr Kind müsste all das schon längst können. Da kann noch so sehr am Ende des Kapitels vermerkt sein, dass es auch normal sei, wenn sich viele dieser Fertigkeiten erst Monate später ausbilden – das ist einfach nicht das, was bei einer jungen Mutter oder einem jungen Vater hängen bleibt. Kurz: ich finde, dass das Buch schon im Babyalter ein ziemlich leistungsorientiertes Bild vermittelt.

Ich muss gestehen, zu diesem Zeitpunkt habe ich aufgehört, das Buch zu lesen. Unser Sohn ist jetzt 12 Monate alt. ich weiß nicht, was er laut den Autoren mittlerweile können sollte. Wahrscheinlich müsste er schon die Matura haben, Mandalas ausmalen und Marienkäferunterarten benennen können. Stattdessen übt er gerade, wie man Erde und Steinchen möglichst schnell in den Mund stopft, bevor die Mama es sieht, sich erfolgreich gegen das Anziehen der Windel wehrt und Essen zu Boden wirft. Ganz die stolze Mutter, sage ich euch: darin ist er echt ganz groß, ich glaube, aus diesen Talenten wird noch was!

4 Kommentare zu „„Oje, ich wachse!“ oder doch einfach nur „Oje?!“? – Achtung: keine Werbung ;-)“

  1. Ich bin froh, dass noch jemand diesem Buch kritisch gegenüber steht. Wo man doch von allen Seiten hört, wie toll dieses Buch ist und wie Recht es mit all diesen Phasen und Schüben hat.

    Was mich am meisten stört sind die Kommentare der genervten Eltern. Ich finde es schon etwas gefährlich, diese Aussagen einfach so stehen zu lassen. Zum Beispiel die Themen „Schreienlassen“ oder „grober Umgang mit dem Baby“ bereiten mir Bauchschmerzen. Da schreibt eine überforderte Mutter, wie sie sich ihrem hilflosen, in Not gekommenen Kind gegenüber verhalten hat und tausende Eltern lesen das. Das ist noch nicht weiter schlimm, denn jeder kommt mal an seine Grenzen und man sollte darüber ruhig offen reden können. Ich finde nur schlimm, dass diese Äußerungen einfach so stehen bleiben. Es folgen keine Tipps, wie man sich besser Verhalten könnte oder wo man sich Hilfe holen kann. Es kann also passieren, dass Eltern in ihrem Verhalten bestätigt werden und die Missachtung der Bedürfnisse ihres Kindes als legitim verstanden werden.

    Dass mein Baby sich entwickelt, das sehe ich doch selbst! Und wie es damit umgeht, bekomme ich auch schnell heraus, wenn ich auf sein Verhalten achte. Ich brauche keine Vorwarnung dafür, dass eine schwierige Zeit auf uns zukommt. So etwas kann auch schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden, wenn die Eltern eine Hab-Acht-Haltung einnehmen.

    Ich will auch nicht das ganze Buch schlechtreden. Vielleicht hilft es einigen Eltern dabei, Erklärungen zu finden oder Dinge besser einzuordnen. Letztlich muss man in jedem Buch ein wenig filtern, was hilfreich ist und was nicht. Ich gehe auch nicht davon aus, dass alle Eltern sich das Fehlverhalten anderer zum Beispiel nehmen.

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  2. Klasse, das gleiche Gefühl hatte ich auch. Lieber die Intuition der Eltern stärken und das Kind beobachten und sich an seiner ureigenen Entwicklung erfreuen – anstatt die Theorie aufs Kind zu projizieren und sich bei fehlender Deckungsgleichheit irritieren zu lassen. Vielleicht hören auch manche Eltern auf, nach der wahren akuten Unzufriedenheit ihrer Kleinen zu forschen, weil die Verantwortung ja so leicht an einen Schub abgegeben werden kann. So werden dringende Bedürfnisse vielleicht völlig fehlinterpretiert oder gar übersehen. So eine Schubtheorie dient weder den Kindern noch den Eltern ernsthaft. Lieber Vertrauen in den eigenen gesunden Menschenverstand und die eigene Beobachtungsgabe – und nicht zuletzt das eigene Durchhaltevermögen. Es kommt eh wie es kommt und am Ende ist alles nur ne Phase… 😉

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    1. Liebe Kerstin, wie recht du hast: anstatt in ein Buch zu schauen, sollten wir wieder mehr unserem eigenen Gefühl trauen. Dass Entwicklungsprozesse mit schwierigen Verhaltensweisen oder sogar Rückschritten verbunden sein können, ist sicher eine hilfreiche Information für viele Eltern (das gilt ja auch für ältere Kinder: als Ergotherapeutin sehe ich z.B. immer wieder Kinder, die plötzlich total ungeschickt werden, gleichzeitig aber verbal viel besser werden; die gerade große motorische Fortschritte machen, aber auf einmal wieder in die Hose machen; etc. – da geht halt plötzlich so viel Hirnkapazität für die neue Sache drauf, dass kurzfristig was anderes zurückstecken muss). Einfach jegliches schwieriges Verhalten als Schub „abzutun“ könnte aber natürlich dazu führen, dass man übersieht, dass da unter Umständen andere unerfüllte Bedürfnisse oder Probleme dahinterstecken. Und manchmal vermute ich, dass wir einfach gern zuviel in alles reininterpretieren, dauernd Erklärungen suchen, und dabei ist es manchmal vielleicht einfach genau das, wonach es aussieht: schlechte Laune und aus. Geht vorbei.

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