Von Vätern und Müttern und Alltagssexismus

Finde den Fehler:

Bernd, 30 und Vater einer 1-jährigen Tochter, führt ein geschäftliches Gespräch mit einem seiner Kunden. Dieser fragt im Zuge dessen interessiert: „Und wo ist die Kleine, während Sie arbeiten?“

Klaus, 34, 2 Kleinkinder zuhause, erhält beim Vorstellungsgespräch leider eine Absage: „Ich bin ganz ehrlich zu Ihnen: Kinder in DEM Alter sind ständig krank, Sie werden zu oft ausfallen – das geht bei uns einfach nicht!“

Markus, 29, ist Vater eines 10-monatigen Babys. Auf einem Fortbildungswochenende staunen seine KollegInnen nicht schlecht: „Was? Deine Frau schafft das 2 Tage ganz alleine mit dem Baby?!“

Georg, 25, trifft sich für 2 Stunden mit einem Freund im Kaffeehaus, während seine Frau mit dem 4 Monate alten Baby im Tragetuch spazieren geht. „Wow!“ sagt die Nachbarin beim Nach-Hause-Kommen, „was für eine tolle Mama!“

Sebastian, 35, Vater eines 3-jährigen Buben, fährt eine Woche auf Geschäftsreise. „Und wer kümmert sich währenddessen um das Kind?“ fragt die Tante besorgt.

Hannes, 28, trifft samstags um Mitternacht am Heimweg einen Bekannten. „Hast du nicht grade vor einem halben Jahr ein Baby bekommen? Wo ist das denn gerade?!“ fragt dieser erstaunt.

Egal, wo Wolfgang, 34 und Papa eines fast 1-jährigen Bubens, hinkommt, ob im privaten oder beruflichen Kontext, überall sind alle Leute voll des Lobes für seine Frau: „Es ist soooo cool, dass sie auch in Karenz ist!“

Und? Habt ihr den Fehler gefunden? Ist euch irgendetwas seltsam vorgekommen, irritierend, unpassend, nicht ganz kosher?!

Wenn ja, dann sollten wir uns mal fragen, warum das eigentlich so ist. Ersetzen wir die Bernds und Georgs von oben nämlich durch Claudias und Verenas, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Dann sind diese Fragen und Aussagen nämlich völlig normal. Warum eigentlich?

Dass wir als Mütter permanent mit solchen Sätzen konfrontiert werden, kann ganz schön nerven. Und ich will hier nicht einseitig jammern: es sind auch die vielen großartigen Väter in Schutz zu nehmen – denn wer sagt denn, dass ein Mann sich nicht genauso engagiert um sein Kind kümmern kann wie die Mutter? Interessiert aber – v.a. im Arbeitsalltag – offenbar keinen.

Aber selbst in Beziehungen, die weitgehend gleichberechtigt ablaufen, was Kindererziehung angeht (wobei Studien sowie meine höchstpersönliche empirische Datensammlung zeigen, dass das leider meist noch Wunschdenken ist), verstehen die Männer häufig nicht warum sich ihre Frauen immer noch benachteiligt fühlen – weil sie ja „eh schon so viel tun“.

Tadaaa! Hier haben wir also einen der Gründe: junge Mütter finden sich ständig in oben genannten Situationen wieder. Niemand hinterfragt das, oft nicht einmal die Frauen selbst. Die nicken vielleicht selber auch noch begeistert, wenn ihrem Mann jemand Bewunderung zollt, weil er auch einmal das Baby wickelt, wenn Besuch da ist.

Selbst im 21. Jahrhundert, in unserer vermeintlich so aufgeklärten Gesellschaft, sitzen die Klischees und der Alltagssexismus tief in unseren Köpfen. Nicht dass es nicht eine tolle Leistung wäre, sich gut um sein Kind zu kümmern – was aber bei Männern immer noch hoch gelobt wird, wird bei Frauen als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt.

Ich wünsche mir also in Zukunft mehr dieser Szenarien:

Claudia, 33, Mutter von 4-jährigen Zwillingen, fährt eine Woche auf ein Yoga-Retreat auf Kreta. Niemand fragt nach, da völlig klar ist, dass die Kleinen beim Papa gut aufgehoben sind.

Verena, 29 und frischgebackene Mama, beginnt 8 Monate nach der Geburt wieder zu arbeiten. Niemand fragt nach, da völlig klar ist, dass der Vater nun in Karenz ist.

Mona, 35 und bisher Vollzeitmama von 2 Kindergartenkindern, bewirbt sich um eine Stelle. Niemand fragt nach, da völlig klar ist, dass sich Mutter und Vater die Betreuungszeiten aufteilen und die Arbeitsleistung der Frau dadurch genauso viel oder genauso wenig beeinträchtigt ist wie die des Mannes.

Hanna, 27, trinkt in Ruhe ihren Kaffee bei der Familienfeier, während ihr Mann dem Baby den angespiebenen Body wechselt, auswäscht und aufhängt. Niemand kommentiert es, da völlig klar ist, dass das ganz normal ist.

Oder noch besser: Hanna, 27, trinkt in Ruhe ihren Kaffee bei der Familienfeier, während ihr Mann dem Baby den angespiebenen Body wechselt, auswäscht und aufhängt. „Super, wie du das machst!“ sagen die Verwandten. Als Hanna eine halbe Stunde später die volle Windel wechselt, zollen sie ihr Anerkennung: „Großartig, wie du dich kümmerst!“

Damit wäre Barbara, 37, Mama eines 2-Jährigen und SSW 29+6, hochzufrieden 😉

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