Fluch oder Segen? Wie uns das Internet dabei hilft Probleme zu lösen, die wir ohne es gar nicht hätten

Touchscreen
Touchscreen

 

Also meistens ist es ja durchaus praktisch, das Internet. Aber manchmal macht es mein Leben auch wirklich kompliziert. Seit ich Mama geworden bin, fällt mir das verstärkt auf. Denn da wir nicht mehr in Großfamilien und Dorfgemeinschaften eingebunden sind, sitzen die einsamen Jungeltern im Falle eines Informationsmangels allein zuhause und fragen wen? Ja genau: Google. Oder Foren. Oder Facebookgruppen.

Und dann kommt es schon mal vor, dass man auf die simple Frage, wieviel Wasser ein Baby eigentlich trinken sollte, 27 verschiedene Antworten bekommt. Ganz zu schweigen vom schlechten Gewissen, weil man kein spezielles Babywasser gekauft hat sondern dem armen Kind normales Leitungswasser verabreicht hat. Kauft man ersteres, ist man aber in den Zero-Waste-Communities unten durch. Vielleicht schließt man sich also am besten den Ängstlichen an – denen nämlich, die aus Angst, ihr Kind könnte eine Wasservergiftung bekommen, gar kein Wasser geben.

Wenn man nach Tipps zur Lockenpflege googelt, endet das darin, dass man spezielle Handtücher zum Trocknen der Haare aus den USA bestellt, natürlich mit Zoll und allem kostspieligen Pipapo (übrigens stinknormale Baumwollfleecetücher, mit lustigen Rüscherln dran). Und am besten noch den von alleinerziehenden Müttern handgeschnitzten Kamm aus in Namibia endemisch vorkommendem Holz, das durch irgendeinen Naturzauber besonders energetisiert ist und daher die Locken springen lässt dass es grad nur so eine Freude ist. Hinterlässt aber leider keinen guten ökologischen Fußabdruck, sodass man sich schon überlegen muss, ob nun die Unterstützung der armen alleinerziehenden Namibianerin den verursachten CO2-Ausstoß aufwiegt, oder ob man doch lieber demnächst heimlich nachts im Lainzer Tiergarten ein Wildschwein rupfen und bei einem Workshop im Waldviertel eine Bürste aus heimischen Wildschweinborsten basteln soll. Wäre halt nicht gerade die veganste Lösung.

Fragt man sich am Anfang der Stillzeit, ob das Kind genug Milch trinkt, und möchte „mal eben schnell nachschauen“, woran man dies erkennt, findet man sich Tage später erschöpft auf der Couch wieder, nachdem man sich durch circa dreihundertvierundzwanzigeinhalb Hebammen-, Stillberaterinnen-, und Mütterseiten geackert hat (den letzten Artikel hat man in der Mitte abgebrochen, sonst wäre man dem Wahnsinn verfallen), sich plötzlich Gedanken über so Themen wie Vorder- und Hintermilch macht, schwitzend nasse Windeln zählt, und letztendlich ein mehrtägiges Experiment zur Milchproduktionsregulation durch minutiös geplante Stillzeiten startet, weil man nunmehr doch der Meinung ist, der Milchfluss wäre in Wirklichkeit zu stark und das Kind bekomme also ZUVIEL Milch. Nur um den Schmarren ein paar Tage darauf – bestärkt durch weitere Blogs, Facebookseiten und Foren, für das Lesen derer man inzwischen erneut Kraft gefunden hat – wieder aufzugeben und stattdessen ganz nach Gefühl, Intuition, ohne Blick auf die Uhr, bedürfnisorientiert, und so weiter und so weiter…

Eigentlich wollte man nur ein bisschen über Kindererziehung schmökern – schwupps hat man einen sauteuren Trinkbecher bestellt, der aussieht wie eine Sauciere, und beim Auspacken gesteht man sich ein, dass man das Baby dann auch gleich aus eben jener Sauciere trinken hätte lassen können anstatt aus diesem Plastikklumpert. Aber das Plastikklumpert hat natürlich diese netten Noppen, die angeblich zur Trinkbewegung animieren, na also wenn das nicht ein Argument ist! Steht nun also dekorativ im Küchenkastl.

Da man leicht vom Hunderdsten ins Tausendste kommt, führt die ursprüngliche Frage, was man zum Mittagessen kochen könnte, plötzlich dazu, dass man den Schwiegervater bekniet, einen Learning Tower zu bauen, man in der ganzen Stadt herumgondelt, um Kokosblütenzucker zu besorgen und man selbst befürchtet, demnächst Diabetes zu bekommen.

Stoffwindeln zu waschen ist offenbar eine Wissenschaft für sich, und man durchforstet nach ausgiebiger Recherche dutzende Supermärkte, um endlich ein geeignetes Produkt zu finden, das nicht all das drin hat, was eben offenbar nicht drin zu sein hat.

Ständig liest man über Dinge die man essen soll, oder doch nicht essen soll, bzw. ausschließlich in Bio-Qualität von diesem oder jenem Anbieter, und bis man herausgefunden hat, wo man das Zeug herbekommt, lautet die neue Empfehlung: doch nicht essen, weil eventuell doch bedenklich. Regelmäßig landet man als gesundheits- und umweltbewusster Mensch auf mehr oder weniger seltsamen Seiten, die man zwar dann doch als unseriöse Quellen entlarvt – ertappt sich aber dennoch dabei, dass einen die Lektüre von den dort recht schlüssig aufbereiteten Informationen (wenn sie nicht allzu schwurbelig waren) doch irgendwie in seinen weiteren Überlegungen beeinflusst. Und so schnell kann man gar nicht schauen, hat man plötzlich kein gutes Gefühl mehr dabei, seinem Kind die Fluoridtabletten zu geben oder nimmt selbst bei eitriger Angina kein Antibiotikum mehr, weil: die böse Pharmaindustrie und so. Gar nicht so einfach, bei all den unterschiedlichen Meinungen seine eigene zu bilden, vor allem, weil man sich sehr schnell in einer sogenannten Echokammer befindet, wo ohnehin nur mehr alles bestätigt wird, was man sowieso schon wusste. Oder?

Menschen, die eine etwas kontroverse Meinung in so einer von vielen Gleichgesinnten gebildeten Blase vertreten, schreiben vorausschauend gerne so etwas wie: „Steinigt mich, aber…“, worüber mancherorts eine Diskussion darüber entbrennt, ob es zulässig sei, solche Ausdrücke zu verwenden, in einer Welt, in der täglich tatsächlich Menschen gesteinigt werden. Man bleibt eine Stunde an der hitzig geführten Debatte und den immer genervteren Kommentaren der beteiligten Personen hängen, bis einem irgendwann vielleicht doch wieder einfällt, was man denn eigentlich hier wollte, bevor man über diese Perle des Facebookinismus gestolpert ist.

Ein Hotelzimmer zu buchen wird jedes Mal zum stundenlangen Prozedere, weil man beginnt die Bewertungen zu lesen. Irgendjemand findet`s offenbar immer zu dreckig, zu laut, das Personal zu unfreundlich, oder halt einfach insgesamt zum Speiben. Und dann sucht man halt doch noch ein bisserl weiter… und noch ein bisserl… und noch ein bisserl…

Und dass man sich am liebsten gleich schon selbst ein Grab schaufeln würde, obwohl man sich eigentlich nur einen Schiefer eingezogen hat, aber den Fehler gemacht hat nachzuforschen wie man diesen am besten entfernt,  davon will ich erst gar nicht anfangen.

Worum ging`s jetzt noch mal in diesem Blogpost? Achja, wie das Internet mir hilft, Probleme zu lösen, die ich ohne es überhaupt nicht hätte. Ganz ehrlich: manchmal macht mich diese Informationsflut ganz narrisch. Und führt dazu, dass Dinge, von denen ich dachte sie wären ganz einfach, plötzlich verdammt kompliziert werden. Andererseits kann ich aber nicht mehr ohne.

Was ist das Web für euch? Nur Segen oder manchmal auch ein bisschen Fluch?

2 Kommentare zu „Fluch oder Segen? Wie uns das Internet dabei hilft Probleme zu lösen, die wir ohne es gar nicht hätten“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s